Bericht über die Reise vom 14. bis 28. Mai 2009 nach Gambia (Jabang) von Hans Hartung

Donnerstag, 14.5.: Trotz Freigepäcks von 46 kg je Passagier bei der Brüsseler Airlines mussten wir, Dr. Jürgen Froeber, seine Frau, Dr. Barbara Froeber, und ich, Hans Hartung, auf dem Flughafen umpacken. Ein Koffer mit 36 kg Heften, Stiften und Mikroskop u.a. war für das Handling zu schwer. Mühsam musste ein leerer Karton beschafft und die Spenden aufgeteilt werden, ehe man uns die Koffer abnahm.

150px-Flag_of_The_Gambia.svg

Nach sechseinhalb Stunden Flugzeit bekamen wir in Banjul im Gedrängel von 250 Passagieren ein Fieberthermometer unter die Achseln geschoben (wegen der Schweinegrippe) und konnten schließlich nach 13-stündiger Anreise im Haus von Matthias Ketteler, dem Vorsitzenden von Projekthilfe Dritte Welt (Hattinger Buschklinik) Quartier nehmen.

Freitag 15.5.: Obwohl wir im November und Froebers auch im Februar wiederholt zur Schule nach Jabang gefahren waren, verpassten wir die Abzweigung von der Hauptstrasse. Riesige Baumaschinen planierten die in der Regenzeit mit Wasser gefüllten Schlaglöcher und hatten auch unser Schul-Hinweisschild umgerissen, so dass wir die Gegend kaum wiedererkannten. Die Straße, die an unserer Schule vorbei führt, wird ausgebaut.

Im benachbarten Kindergarten Linden, der uns seit dem Start eine große Stütze ist, wurden wir freudig begrüßt, obwohl in der Nacht zuvor dort eingebrochen worden war. Anschließend besichtigten wir mit dem Schulleiter, Landing Janneh und unserem Bauunternehmer, Amadou Jallow, das neue noch leere Schulgebäude d.h. einen Klassenraum mit benachbartem Lehrerzimmer und Materialraum. Innen und außen sah es phantastisch aus und scheint auch guter Qualität zu sein. Wir sind stolz, dass wir in nur sechs Monaten einen Schulraum gebaut haben. Eine zweistündige Besprechung mit Herrn Jallow, bei der uns der Schweiß in der Mittagshitze trotz eines offenen Schattenplatzes aus allen Poren drang, schloss sich an. Es ging um Sicherheitsmaßnahmen, Fensterausgestaltung und Anbringung von Tafeln, Regalen und Geräten sowie die Abrechnung.

Am Nachmittag besuchten wir den ganz in der Nähe gelegen privaten Kindergarten des englischen „Children of Gambia Services“. Bisher umfasst er zwei Gruppen (mit 25 Kindern), die im Herbst verdoppelt werden sollen.

Samstag, 16..5.: Als wir um 10 Uhr mit Eimern und Putzlappen wie verabredet an der „Lower Basic School“ eintrafen, trauten wir unseren Augen nicht: Alle 56 Schülertische, 125 Stühle, 2 Lehrertische, etliche leichtere Wandtafeln waren auf dem Schulhof verteilt und warteten mit über 100 Schülern und allen Lehrern auf den Einzug in den einzigen noch verschlossenen neuen Klassenraum. Sie waren in einer für uns überraschenden Morgenaktion geputzt worden, obwohl Samstag schulfrei war! Dazu standen vor dem Lagerraum fein säuberlich aufgestapelt alle unsere Pakete mit Heften, Papier, Stiften und Unterrichtsmaterialien, welche uns von Schulen und der Firma Backwinkel gespendet worden waren. Der Container, den wir auf dem Schulhof abgestellt hatten, war leer.

Nun ging es ans Sortieren: was geht wieder in den Container, was kommt in die Klasse – und das unter dem Druck von über 200 helfen wollenden Händen. Dazu mussten die Tische und Stühle nach vier Körpergrößen sortiert werden. Schließlich schlug auch noch der stellvertretende Schulleiter, Ebrima Bah, vor, abweichend von den landesüblichen frontal ausgerichteten Sitzreihen „Gruppentische“ einzurichten. Und das für 54 Schüler in einem Klassenraum von 6,50 m x 9,60 m. Nach drei Stunden war es geschafft! Es schloss sich eine erste Konferenz mit den Lehrern an, in der die offizielle Übergabe im November und die Verteilung der mitgebrachten Spenden besprochen wurden. Anschließend erhielt der Schulleiter mein Fahrrad geschenkt, mit dem er seinen etwa 10 km langen sandigen Schulweg schneller bewältigen kann.

Samstag, 17.5.: Wieder eine Übermittag-Schicht für Jürgen und mich auf dem Schulgelände Jabang: Wir sortieren bei glühender Hitze im Container die zurückgebrachten Möbel und Pakete so, dass im Bedarfsfall, wie z.B. bei der im Juni anstehenden „Klausur“ für die zentrale Leistungsüberprüfung, Stühle und Tische ohne Schwierigkeiten herausgenommen werden können. Bei der Kontrolle der mitgelieferten Pakete stellen wir fest, dass bisher nichts abhanden gekommen ist.

Montag 18.5. – Donnerstag 21.5.: Um der Hitze zu entgehen, brechen wir mit Frau Corr von der „Projekthilfe Dritte Welt“ schon morgens um 5 Uhr zur 280 km entfernten „Hattinger Buschklinik“ in Jahaly  auf. Nach fünfstündiger anstrengender Fahrt über die holprige, südliche Verbindung gelangen wir überraschend schnell ans Ziel. Unterwegs sahen wir schilfgedeckte Lehmbau-Dörfer, Brandrodungen, hohe Termitenhaufen in der flachen mit Affenbrotbäumen (Baobab) durchsetzten Savannenlandschaft.

Die Buschklinik mit der z.Z. in Renovierung befindlichen Kranken- und Geburtsstation, dem Labor und einem großen Kindergarten macht einen guten Eindruck. Sie soll als Modell für weitere „Health-Center“ in Gambia dienen. Während Barbara sich um die medizinischen Dinge hier kümmert (Abläufe, medizintechnische und medikamentöse Versorgung usw.), begutachten Jürgen und ich die vier inszenierten landwirtschaftlichen Projekte für Frauen, denen zur wirtschaftlichen Stabilisierung ein kleines Gartenstück, Samen und Brunnenwasser zur Verfügung gestellt wird. Wir liefen bei sengender Hitze sämtliche Zäune ab und vermaßen die Brunnen bzw. schauten ob sie ausgebessert werden mussten. Zusätzlich wurden mit zwei Frauen-Abordnungen der Nachbardörfer ihre Wünsche hinsichtlich ihrer Erfahrungen mit dem Solarkocher diskutiert.

Ein für unser eigenes Projekt wichtiger Grund für die Fahrt waren über hundert Lamellengläser, die samt der Halterungen uns von „Projekthilfe Dritte Welt“ kostenlos zur Verfügung gestellt wurden und jetzt in siebeneinhalbstündiger Fahrt vorsichtig nach Jabang gebracht wurden. Trotz des Waschlbrett-Charakters der Straße klappte es gut.

Freitag, 22.5.: Mit vereinten Kräften von allen Lehrern wurde heute Morgen die „größte Schultafel in Gambia“ – eine ausklappbare Wandtafel – mit Hilfe unseres Bauunternehmers im neuen Klassenraum unfallsicher angebracht. Ich beobachtete den Unterricht in verschiedenen Klassen und die Pausenspiele der Kinder, Basketball, Mühle, kleine Tänze und Kreisspiele und eine Art Völkerball.

Am späten Nachmittag war auf unseren Wunsch hin der Eltern-Lehrer-Rat vom Schulleiter einberufen worden. Es sollte hauptsächlich die unhaltbare Toilettensituation – ein Eingang für alle, zu wenige Kammern - besprochen werden. Wir machten klar, dass die Lösung dieses Problems, die der diesmal nicht anwesende Bürgermeister bereits bei unserem ersten Besuch im November versprochen hatte, bei der Dorfgemeinschaft als ihr Beitrag zum Schulbau liege. Nach langer Diskussion entschied man sich für einen Neubau in traditioneller Weise. (In der kommenden Woche konnte ich den Anfang, zwei tiefe Löcher, schon sehen). Schließlich übergaben wir dem Komitee die an der Gräfin-Imma-Schule gesammelten Kinderschuhe und –sandalen zur gerechten Verteilung und an den Schulleiter einige Unterrichtsmaterialien, wie einen Globus, Demonstrationsuhren und Tafeldreiecke.

Samstag, 23.5.: An diesem Morgen erfuhren wir im Bilijo Health Center von Dr. Toray interessante Aspekte über die Schwierigkeiten eines in seine Heimat  aus Europa zurückkehrenden Arztes. Am Nachmittag übergaben wir drei von unseren Wandtafeln an eine befreundete Organisation, die eine Schule in Serecunda fördert. Die Übergabe wurde allerdings dadurch sehr erschwert, dass zur gleichen Zeit der Präsident von Gambia mit seinem Gefolge durch Jabang fuhr und mit Trommelmusik auf Plastikkanistern, Spruchbändern und Tanz am Weg begleitet wurde.

Sonntag, 24.5.: Fast hätten Barbara und Jürgen über ihre Zeit noch bleiben müssen, da auf dem Flughafen Banjul wegen Stromausfall die gesamte Logistik zusammenbrach. Mein Umzug ins Hotel Senegambia war dadurch nicht beeinträchtigt.

Montag 25.5.: Heute ist Nationalfeiertag, da vor 44 Jahren Gambia seine Selbstständigkeit erhielt. Da schulfrei ist, nutze ich den Tag, um mich im historischen Nationalmuseum in Banjul über die Geschichte und Entwicklung Gambias zu informieren. Anschließend besorge ich auf dem Prinz-Albert-Markt afrikanische Stoffe und getrocknete Früchte wie Hibiskusblütentee, Fruchtfleisch des Baobab, Cola-Nuss und Süßkartoffeln, um sie später in deutschen Klassen bei Vorträgen zu zeigen. Auf dem Rückweg besichtige ich noch die Erdnussölfabrik, die ich für unproduktiv hielt, die aber auf der anderen Straßenseite wenigstens in gedrosseltem Maße bewirtschaftet wird.

Dienstag 26.5.: Ich hatte mir vorgenommen, schon zu Schulbeginn in Jabang zu sein, wo auch um 8,30 Uhr die Schüler zusammengetrommelt und klassenweise in Reihen hintereinander aufgestellt wurden. Ein Schüler sprach mit geöffneten Händen das Morgengebet, bevor der älteste Lehrer, Herr Sella Barrun, eine gestenreiche Rede auf den Präsidenten und das Land hielt. Anschließend wohnte ich dem Unterricht in verschiedenen Klassen bis zum späten Nachmittag bei. In der Mittagspause, die auch einige Lehrer zum Gebet nutzen, versuchte ich ihnen den Gebrauch der mitgebrachten Medien wie Tafeldreieck und –zirkel, Worttrainingsspiele u.ä. zu erläutern, was dankbar angenommen wird.

Mittwoch 27. 5.: Schulleiter Janneh führte mich heute durch die nächsten Ansiedlungen. Neben dem Markt und der Brunnenstation, wo ich jetzt auch Frauen mit Kindern mit deren Einverständnis fotografieren durfte, besuchten wir den „compound“ (Wohngrundstück für mehrere Familienangehörige) einer Schülerin der 2. Klasse, die mir zeigte, wie sie lebt, spielt und lernt. Später starteten wir auch der „Koranschule“ und der staatlichen „Arabischen Schule“ einen Besuch ab. Das Kollegium der letzt genannten Schule bat auch um Unterstützung bei Schreibmaterial und Wandtafeln. Wieder in der Mittagspause zeigte ich einigen Lehrern wie der „Umdrucker“, den mir eine Kollegin aus Gevelsberg anvertraut hatte, zum Hektographieren von selbstgefertigten Schriftstücken funktioniert. Es ist meines Erachtens die einzige Möglichkeit in einer Schule ohne elektrischen Strom. Den Wunsch nach einem Computer können wir noch nicht erfüllen.

Donnerstag 28.5.: Nachdem ich mein Gepäck mit weiteren Demonstrationsobjekten wie Trommel und Mörser wieder aufgefüllt hatte, konnte ich ebenfalls getrost nach Deutschland abreisen. Obwohl ich direkt an der Küste gewohnt hatte, war ich nicht dazu gekommen, ein einziges Mal im Meer zu schwimmen. Vielleicht das nächste Mal im November.

Hans Hartung

Hinweis: Die Reisen der Vorstandsmitglieder werden für den Verein kostenneutral durchgeführt!

Einige Bilder

Zurück